Was haben Tauben mit Feminismus zu tun?

Was haben Tauben mit Feminismus zu tun?

Vogelperspektive: Ein feministischer Blick auf Tauben

Viel vom Verlagsgeschäft ist Kriecharbeit am Boden. Diese Mail noch abschicken, das nächste Manuskript lesen, mit den Originalverlagen unserer Übersetzungen kommunizieren, hier ein Reel, dort ein Blogpost. Mit Grafiker*innen, Übersetzer*innen und Menschen aus der Gewächshauscommunity Absprachen treffen; Locations buchen, Autor*innen rückversichern, Mails mit der Druckerei tauschen.

Auch feministischer Aktivismus bewegt sich oft nur im Schneckentempo vorwärts. Wenn überhaupt. (Im Jahr 2026 gefragt zu werden, wofür Feminismus denn überhaupt gut sei, man „habe doch schon längst Gleichberechtigung erreicht“, führt bei uns hin und wieder zu Verzweiflung und Resignation.)

Kriechen ist gut und wichtig; vielleicht die einzige Fortbewegungsart, die nachhaltig feministische Entwicklung gewährleisten kann?

Doch auch als Wesen des Bodens haben wir Verbündete in der Luft. In diesem Blogpost möchten wir der Frage nachgehen: Was haben Tauben mit (feministischem) Aktivismus zu tun?

Zunächst sei festgelegt, dass wir Feminismus von Grund auf intersektional verstehen, also in Verschränkung mit ökologischen und sozialen Bewegungen, die nicht nur die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht* thematisieren. Und nun fliegen wir zu den wichtigsten Gesprächspunkten rund um (Stadt-)Tauben, enge Mitbewohner*innen menschgemachter Räume.

1. Tauben sind nicht „einfach da“ – sie sind ein menschengemachtes Stadtwesen

Stadttauben sind keine zufällige Laune der Natur. Sie sind das Ergebnis einer langen Beziehung mit uns Menschen: gezüchtet, genutzt, ausgesetzt, vergessen. Viele Tauben in unseren Innenstädten stammen von Haustauben ab.

Das ist wichtig, weil es den Blick verschiebt: Plötzlich geht es nicht mehr um „die Taube als Problem“, sondern um eine Verantwortung, die wir (als Gesellschaft) mitgeschaffen haben.

Intersektional gedacht ist das eine vertraute Dynamik: Gruppen werden in Systeme hineingezogen, solange sie „funktionieren“ oder nützlich erscheinen. Und sobald sie sichtbar Bedürfnisse haben oder nicht mehr ins gewünschte Bild passen, kippt die Erzählung.

2. „Ratten der Lüfte“: Warum werden Tauben als "dreckig" oder "nervig" abgestempelt?

Tauben sind ein Paradebeispiel für Stigmatisierung im Alltag. Kaum ein Tier wird so routiniert abgewertet als „dreckig“, „nervig”, “zu viel”, “zu laut”.

Stigmatisierung von Menschen funktioniert oft nach einem ähnlichen Muster:

  • Eine Gruppe wird auf wenige Merkmale reduziert.
  • Diese Merkmale werden moralisch aufgeladen (eklig, gefährlich, lästig).
  • Daraus folgt: weniger Empathie, mehr Härte, mehr Akzeptanz für Ausgrenzung.
  • Intersektionaler Feminismus schaut genau hin, wenn Abwertung zur Gewohnheit wird.

Nicht, weil Tauben und Menschen „gleich“ wären, sondern weil die Logik der Entwertung sich ähnelt: Wer als störend gilt, dem wird Schutz schneller entzogen.

3. Wer darf öffentlichen Raum nutzen? Feministische Perspektiven auf Sichtbarkeit

Tauben sind zu sichtbar. Sie sind nicht kontrollierbar. Sie tauchen auf, wo wir sie nicht „bestellt“ haben. Sie nehmen sich ihren Wohnraum in den Marginalen der Stadt. Häufig nisten sie unter Brücken. Stadttauben erinnern uns daran, dass öffentlicher Raum nicht nur Kulisse ist, sondern wertvoll und umkämpft.

Auch feministische Kämpfe drehen sich immer wieder um Raum:

  • Wer darf laut sein?
  • Wer darf sich zeigen? Und wie?
  • Welche Autor*innen werden gelesen und verdienen Raum im Bücherregal und im Feuilleton?

Wenn Tauben in der Stadt als „Störung“ gelten, ist das nicht nur ein Tier-Thema. Es ist ein Hinweis darauf, wie schnell wir Präsenz als Provokation interpretieren, sobald sie nicht in unsere Norm passt.

4. Strukturelle Probleme: Warum wandert die Schuld "nach unten"? 

Viele Konflikte rund um Tauben sind strukturell: fehlende Konzepte, fehlende Aufklärung, fehlende Versorgung, keine ausreichende Finanzierung von bestehenden Lösungsansätzen.

Und trotzdem landet die Schuldzuweisung oft bei denen, die am wenigsten Gestaltungsmacht haben: bei den Tauben.

Das kennen wir aus anderen Kontexten nur zu gut. Wenn Systeme versagen, wird die Verantwortung gern individualisiert. Dann heißt es: „Die sind halt so.“ Oder: „Die sollen sich halt anpassen/anstrengen/nicht so anstellen.“ Intersektionaler Feminismus widerspricht dieser Bequemlichkeit. Wir fragen: Wer profitiert von dieser Erzählung? Und wer trägt die Kosten?

5. Was wäre eine feministische Tauben-Perspektive?

Eine feministische Perspektive bedeutet nicht, dass alle Menschen Tauben lieben müssen oder dass wir negative Aspekte ignorieren, wie die Verschmutzung von Wegen und Zerstörung von Bauten durch Taubenkot. Es geht nicht um Romantisierung, sondern um faire Lösungsansätze, die spezies- und gruppenübergreifend planen und denken.

Eine feministische Tauben-Perspektive könnte heißen:

  • Differenzieren statt entwerten: Nicht jeder Konflikt ist ein Charakterurteil.
  • Strukturell denken: Lösungen bevorzugen, die Verantwortung dort verorten, wo Gestaltungsmacht liegt.
  • Empathie als Praxis: Nicht als „nett sein“, sondern als politisches Training gegen Abstumpfung.

Und vielleicht ist das die eigentliche Verbindung: Tauben sind ein täglicher Test, wie wir mit dem umgehen, was nicht perfekt, nicht planbar, nicht „instagrammable“ ist.

Vogelperspektive Feminismus: Tauben als Spiegel gesellschaftlicher Abwertung

Wenn wir den Kopf heben, sehen wir sie: unsere Verbündeten in der Luft. Nicht, weil Tauben uns „retten“ werden. Sondern weil sie uns erinnern, dass das Recht auf (gutes) Leben nicht an Nützlichkeit gekoppelt sein darf. Dass wir gesamtgesellschaftlich Verantwortung füreinander tragen, auch wenn wir als Individuen “nichts falsch gemacht haben”.

Vielleicht ist Kriechen tatsächlich eine der nachhaltigsten Bewegungsformen: langsam, hartnäckig, bodennah. Aber manchmal hilft es, kurz die Vogelperspektive einzunehmen.

Nicht um abzuheben.

Sondern um klarer zu sehen, wie Macht im Alltag aussieht und wie wir uns entscheiden können, ihr nicht reflexhaft zu folgen und die Verbindung zu suchen, statt auf (menschliche) Vorherrschaft zu pochen.

Wie Donna Haraway in ihrer inspirierenden Essaysammlung Staying with the Trouble (2016 bei Duke University Press erschienen) schreibt:

“[I]t is surely as critical [as self-recognition] to be able to recognize one another and other beings in ways that make sense to the sorts of lives the critters will lead, whether in racing-pigeon lofts or urban squares.” 

Und wenn ihr selbst ein Zeichen setzen wollt – im Alltag, am Rucksack, auf der Jacke – dann haben wir etwas für euch. Unsere Tauben-Pins sind kein Merchandise. Sie sind ein Statement. Dafür, dass das Recht auf Raum nicht verhandelbar ist. Für alle, die kriechen und gleichzeitig die Vogelperspektive im Blick behalten.



Foto von jens schwan auf Unsplash
Foto von Zac Ong auf Unsplash

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