Riskanter Sex, BDSM-Kultur und was wir von Kinkstern lernen können
In der Welt der Sexualität spielen Konsens und Risikomanagement eine zentrale Rolle – egal ob bei anonymen intimen Begegnungen oder in Partner*innenschaften. Besonders im BDSM, dessen Praktiken bewusst mit Macht, Kontrolle und Grenzen arbeiten, sind klare Konzepte für gegenseitiges Einvernehmen und verantwortungsvolles Handeln essenziell.
In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf bekannte Konzepte des Konsens- und Risikomanagements im BDSM, analysieren ihre Vor- und Nachteile und zeigen auf, wie sie auch außerhalb des kinky Kontextes Anwendung finden können. Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie bewusste Kommunikation, gegenseitige Verantwortung und Risikoabschätzung zu einem respektvollen Miteinander und allgemeinem Wohlbefinden beitragen.
Was bedeutet Konsens eigentlich? – Grundlegende Begriffserklärungen
Konsens (Einvernehmlichkeit)
Konsens bedeutet, dass alle Beteiligten freiwillig, informiert und ohne Druck in eine Handlung oder Beziehung einwilligen. Im BDSM ist Konsens die Grundlage für jede Aktivität; er stellt sicher, dass niemand gegen ihren*seinen Willen handelt oder sich unwohl fühlt.
Risiko (Gefahr, Unsicherheit)
Risiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen – sei es physischer Verletzungen, psychischer Belastung oder emotionaler Schäden. Im Kontext von Sexualität umfasst Risikoabschätzung das Erkennen potenzieller Gefahren wie Krankheitsübertragung und unerwünschter Schwangerschaft, aber auch (Re-)Traumatisierung und Verletzung bei physisch und psychisch belastenden Praktiken.
Risikomanagement
Risikomanagement bedeutet, Risiken bewusst zu identifizieren, abzuwägen und Strategien zu entwickeln, um negative Folgen zu vermeiden oder so abzumildern, dass sich alle Beteiligten damit wohlfühlen. Im BDSM kann dies beispielsweise durch klare Absprachen und Sicherheitsvorkehrungen (z.B. Safe Words) erfolgen.
Kommunikation & Verantwortung
Offene und ehrliche Kommunikation ist das Fundament für einen respektvollen Umgang miteinander. Verantwortungsbewusstes Handeln bedeutet, die eigenen Grenzen sowie die der anderen zu respektieren und aktiv dafür Sorge zu tragen, dass alle Beteiligten sich sicher fühlen.
Überblick über bekannte Konsens- und Risikokonzepte im BDSM
In den sexuellen Subkulturen gibt es verschiedene Ansätze, mit Konsens und Risikos umzugehen. Sie bieten unterschiedliche Herangehensweisen, um Sicherheit, Einvernehmlichkeit und Verantwortungsbewusstsein zu gewährleisten.
Das „SSC“-Modell (Safe, Sane, Consensual)
Das SSC-Modell ist eines der bekanntesten Prinzipien im BDSM. Es fordert, dass alle Aktivitäten sicher („Safe“), vernünftig („Sane“) und einvernehmlich („Consensual“) sein sollen.
Akronym und Bedeutung:
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Safe (Sicher): Praktiken sollen sicher durchgeführt werden, um Verletzungen zu vermeiden
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Sane (Vernünftig): Aktivitäten sollten rational und verantwortungsvoll sein
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Consensual (Einvernehmlich): Zustimmung aller Beteiligten ist Voraussetzung
Vorteile von SSC:
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Fördert niedrigschwellig Verantwortungsbewusstsein
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kann vor allem Anfänger*innen vor gefährlichen Situationen schützen
Nachteile von SSC:
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Der Begriff „sane“ steht mit psychischer Gesundheit in Verbindung und kann daher einen Ausschluss erkrankter Menschen implizieren
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Die Einschätzung der Sicherheit einer Praktik erfordert Erfahrung oder genauere Anleitung; zudem kann keine sexuelle Praktik komplett sicher sein.
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Das Konzept ist recht ungenau und ggf. unzureichend
Das „RACK“-Modell (Risk-Aware Consensual Kink)
Das RACK-Modell legt den Fokus auf den bewussten Umgang mit vorhandenen Risiken.
Akronym und Bedeutung:
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Risk (Risiko): Akzeptanz gemeinsam verhandelter Risiken
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Aware (Bewusst): Kenntnis der Risiken und Grenzen sowie der persönlichen Fähigkeiten
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Consensual (Einvernehmlich): Zustimmung aller Beteiligten
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Kink (Abweichung von Mainstream-Sexualität): Anerkennung, dass Praktiken außerhalb der Norm möglich sind
Vorteile von RACK:
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Erlaubt mehr Flexibilität bei risikoreichen Aktivitäten
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betont die Verantwortung der*des Einzelnen, Risiken zu kennen und abzuwägen
Nachteile von RACK:
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Erfordert hohe Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein
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Risikoabschätzung kann subjektiv sein
PRICK-Modell
PRICK betont die persönliche Verantwortlichkeit jeder teilhabenden Person.
Akronym und Bedeutung:
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Personal
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Responsibility;
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Informed
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Consensual
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Kink
bzw.
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Personally
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Responsible
-
In
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Consensual
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Kink
Vorteile von PRICK:
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Hoher Fokus auf Eigenverantwortlichkeit; entlastet u.U. oben spielende Partner*innen (siehe The Pomegranate Institute)
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Fokus auf Informiertheit aller Parteien
Nachteile von PRICK:
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Fokus auf Kommunikation nicht so stark verankert wie in anderen Konzepten
CCCC-Modell
Das CCCC-Modell ist ein weiteres Framework für sicheren Umgang mit BDSM-Praktiken. Es legt den Schwerpunkt auf eine ganzheitliche Herangehensweise: Zustimmung sichern, offen kommunizieren, fürsorglich sein und gegenseitiges Vertrauen fördern. Es ist besonders geeignet für langfristige Beziehungen oder Communities.
Akronym und Bedeutung:
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Consent (Zustimmung): Klare, informierte Zustimmung aller Beteiligten
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Communication (Kommunikation): Offener Austausch vor, während und nach der Aktivität
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Care (Sorge/Nachsorge): Für das emotionale Wohlbefinden sorgen; Nachsorge leisten
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Confidence (Vertrauen): Gegenseitiges Vertrauen aufbauen und erhalten
Vorteile von CCCC:
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Ganzheitlicher Ansatz, der alle Aspekte von Sicherheit umfasst (Zustimmung, Kommunikation, Fürsorge, Vertrauen)
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Besonders geeignet für langfristige Beziehungen oder Gemeinschaften
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Fördert emotionale Sicherheit und ermöglicht langfristige Gesundheit von Beziehungen
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Unterstützt offene Kommunikation und gegenseitiges Verständnis
Nachteile von CCCC:
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Erfordert viel Zeit und Engagement zum Aufbau von Vertrauen
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Schwer in kurzfristigen oder spontanen Situationen umzusetzen
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u.U. schlecht mit Fremden durchführbar
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Abhängig von der Bereitschaft aller Beteiligten, sehr aktiv mitzuwirken, auch über die konkrete sexuelle Situation hinaus
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Umsetzung kann herausfordernd sein, wenn nicht alle Parteien gleich engagiert sind
Welches Konzept für Dich das richtige ist, kannst du durch Abwägen, Ausprobieren und Gespräche mit Partner*innen herausfinden. Weitere Ressourcen findest Du in Dr. Stephanie Kossows Ratgeber Das Gute an (schl)echtem Sex. Übungen und Impulse zur eigenen Bindungsgeschichte sowie aktuellen Partner*innenschaften sind in Jessica Ferns Beziehungsratgebern Polysecure und Polywise sowie dem dazu passenden Workbook zu finden.
Kink als Ressource für Vanilla-Sex, Beziehung und Gesellschaft
Was in der BDSM-Szene gelebter Standard sein kann – nämlich ein offener, ehrlicher und respektvoller Umgang mit Wünschen, Grenzen, Bedürfnissen und der gemeinsamen Gestaltung von Beziehungen – birgt ein bemerkenswertes Potenzial über das Schlafzimmer hinaus. Konsens, Selbstreflexion und Kommunikation stehen im Zentrum: Alle Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe, Macht wird nur freiwillig und temporär geteilt, nie aufgezwungen. Kein Mensch wird zu etwas gedrängt – alles basiert auf Zustimmung und Vertrauen.
Diese Prinzipien sind keineswegs auf kinky Beziehungen beschränkt. Vielmehr lassen sie sich als Ressource begreifen: für jede Form von Intimität, auch im sogenannten Vanilla-Sex, aber ebenso für Partner*innenschaften, Freund*innenschaften und gesellschaftliche Strukturen. Was wäre, wenn wir in der Gesellschaft genauso sorgfältig und bewusst mit Macht, Bedürfnissen und Grenzen umgingen wie in einer gut geführten BDSM-Dynamik?
Kink zeigt darüber hinaus auf, wie Diversität und individuelle Vorlieben nicht nur toleriert, sondern aktiv wertgeschätzt werden können. Er eröffnet Räume, in denen Menschen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Wenn solche Werte in zwischenmenschliche Beziehungen, Erziehungsstile oder politische Prozesse einfließen, kann dies tiefgreifende Auswirkungen haben – hin zu mehr Empathie, Selbstbestimmung und kollektiver Fürsorge.
Kink kann also weit mehr sein als ein persönliches sexuelles Interesse: Er kann als Modell dienen – für Kommunikation auf Augenhöhe, für Konsens als Grundlage jeder Beziehung und für eine respektvolle, weniger gewaltvolle Gesellschaft.
Noch mehr zur Verbindung von Kink und Weltfrieden gibt es im Blogartikel der feministischen Sexualmedizinerin Stephanie Kossow und natürlich in ihrem Buch Das Gute an (schl)echtem Sex.
Umfassende Informationen gibt es auch in der Bad Girls Bible.


