Die Erfindung der feministischen Sexualmedizin

Die Erfindung der feministischen Sexualmedizin

Die Erfindung der feministischen Sexualmedizin von Dr. Stephanie Kossow

Von der Unsicherheit zur Expertise: Meine Autorinnenreise 

Seit einigen Wochen trage ich diesen Blogartikel vor mir her und kaue auf dem Anfang herum. Denn der Inhalt ist eigentlich klar:

Ich möchte von meiner Autorinnenreise erzählen.

Und davon, wie aus einem Schwarzwaldmädel die Begründerin eines längst überfälligen neuen medizinischen Fachgebiets wurde. Allein diese Worte zu schreiben kommt mir einerseits total richtig und konsequent und andererseits überheblich und anmaßend vor.

Dieser Zwiespalt begleitet mich (hier bitte auch als Beispielperson weiß, cis-weiblich, in Deutschland geboren und sozialisiert, able-bodied, „normschön“ und gebildet zu verstehen) schon seit ich denken kann: Ist es wichtig, was ich als Frau* denke und wahrnehme? Darf ich das laut sagen? Weiß ich genug darüber, um öffentlich darüber zu sprechen? Muss ich jemanden um Erlaubnis dafür fragen?

Ich habe Medizin studiert, mit 25 Jahren wurde ich promoviert und trage seither einen Doktortitel. Ich bin Fachärztin für Allgemeinmedizin, habe eine psychotherapeutische Ausbildung in tiefenpsychologischer Psychotherapie und eine mehrjährige Sexualmedizinische Zusatzqualifikation. Ich bin unsicher, ob das wohl reicht? Ich bin Mutter von zwei Kindern und führe eine sexualmedizinische, paar- und psychotherapeutische Praxis in Berlin-Kreuzberg. Ich bin wissenschaftliche Beirätin in der sexualmedizinischen Fachgesellschaft. Und ich zweifle an meiner Legitimation. Ich bin noch nicht mal 40 Jahre alt und habe „alles im Griff“. Ich bin Dozentin und Referentin an verschiedenen Instituten und für verschiedene Firmen. Ich habe Angst, nicht kompetent genug zu sein. Ich werde dafür gebucht und bezahlt, meine Expertinnenmeinung zu sagen. Und ich stelle mich in Frage. Andauernd.

Die Vernachlässigung weiblicher* Körper in der Medizin

Und während all dieser Studien, Forschungen, Überlegungen, Ausbildungen, Weiterbildungen, Qualifizierungen und neben all diesen zermürbenden (toxisch weiblichen?) Zweifeln habe ich eine Erfahrung beständig gemacht: Weibliche* Körper und weiblich gelesene Menschen werden in der Medizin (als Abbild der Gesellschaft) allerhöchstens mitgemeint. Sie werden weder ausreichend beforscht, noch gelehrt, noch wird diese Lücke überhaupt als relevantes Problem eingeschätzt. Nichtbinäre Geschlechtsidentitäten oder intergeschlechtliche Ausprägungen werden quasi überhaupt nicht abgebildet. (Unglücklicherweise und mangels Daten werde ich die Geschlechterdichotomie in diesem Text trotzdem anwenden, sofern es keine passenderen Begrifflichkeiten gibt) Dabei gibt es unzählige Beispiele, wie uns das Patriarchat schadet. Gelegentlich werde ich von Pharmafirmen gebucht, um deren Studiendesign zum Beispiel für neue Medikamente aus sexualmedizinischer Sicht zu prüfen. Wenn ich dann beispielsweise anmerke, dass es sinnvoll wäre, auch Personen mit Zyklus einzuschließen, kommt mit schöner Regelmäßigkeit das Argument, dass das dann statistisch schwerer auszuwerten sei und die Effekte nicht so deutlich sichtbar würden. Oder dass es „zu schwierig“ sei, mit den ganzen Hormonen. Also werden nur Personen ohne oder mit modifiziertem Zyklus zugelassen, die zum Beispiel eine hormonelle Verhütung einnehmen, postmenopausal sind oder Männer*. Diese Denkweise setzt den Mann*/Menschen ohne Monatszyklus als Norm. Und so ist das ganze System strukturiert, und so setzt sich die Benachteiligung in Forschung, Lehre und Praxis weiter fort.

Klitoris und weibliche* Anatomie: Ein übersehenes Thema, selbst in Fachkreisen

Anderes Beispiel: Die weibliche* Anatomie. Die Klitoris ist seit 2022 in voller Größe (also der bisher bekannten Größe... zwinkersmiley) und mit ihrer Nerven- und Gefäßversorgung in Schulbüchern und Anatomie-Atlanten abgebildet. Ich habe in meinem Präparierkurs niemals eine komplette Klitoris gesehen. Auch nicht in radiologischen Abbildungen. Nicht mal in meiner sexualmedizinischen Weiterbildung wurde das Thema ausführlicher besprochen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, wie häufig Frauen* zum Beispiel in der Gynäkologie und Geburtshilfe operiert werden und wie wenig Chirurg*innen z.B. über Nervenschäden in Bezug auf die Klitoris aufklären (oder selbst Bescheid wissen?), während das beim Thema Erektionsfunktion nach Prostata-Operation beim Mann allgegenwärtig scheint, wird mir ganz anders. Noch frappierender ist es mit der weiblichen Prostata. Dazu gibt es weiterhin viel zu wenig Forschung, kaum Konzeptionen für Erkrankungen der weiblichen Prostata und natürlich auch keine therapeutischen Möglichkeiten. Es gibt viele „unklare“ Symptombilder des weiblichen Genitalbereichs: die Vulvodynie oder die genitopelvine Schmerz-Penetrationsstörung, die Reizblase oder interstitielle Zystitis. Beckenbodenprobleme nach Geburten. Bei vielen dieser Themen sind die anatomisch-pathophysiologischen Ursachen oder biopsychosozialen Zusammenhänge ungeklärt. Frauen* werden nicht ernstgenommen, sie erhalten nicht oder spät die benötigte Therapie (wenn bekannt) und sie werden beschämt, in ihrer körperlichen Integrität und Selbstbestimmung verletzt. Das trifft migrantisierte und marginalisierte Gruppen noch schlimmer.

Neben diesen eher gynäkologischen Themen gibt es viele sprachliche Schwierigkeiten, die in der feministischen Sexualmedizin angegangen werden sollten. Das beginnt beim misogynen Begriff der „Defloration“ („Ent-Blumung/Entjungferung“) und das überholte Konzept des „Jungfernhäutchens“, geht über die kämpferisch-grenzverletzende „Penetration“ („Eindringen“) bis hin zu komplett fehlenden Worten für die genitalen Lustorgane als Komplex aus Klitoris, Vulva, Vagina, Prostata und Urethra (Clito-uro-vulvo-vagino-prostatal-Komplex?). Auch unsere deutsche „Aufklärung“ in Bildungseinrichtungen ist vor allem auf die Vermeidung von sexuell übertragbaren Erkrankungen und ungewollten Schwangerschaften ausgerichtet. Wenig Effort fließt in die Vermittlung von Konsens, der Erkundung eigener Vorlieben, Beziehungskonzepten oder nicht-tendenziösen Informationen zum Beispiel zum Konsum von Pornografie.

Die weibliche Sozialisation übt auch nicht das Neinsagen mit den Mädchen und jungen Frauen, sondern das Gefallen, geliebt-werden, schönsein, empfangen oder geben anstatt wollen und nehmen, die Anpassung statt Abgrenzung.

Warum feministische Sexualmedizin dringend benötigt wird

Das führt mit zu einigen Problemen in der Sexualität, weil wir als Mädchen* und Frauen* unsere Körper selbst weniger erkunden als Jungen* und Männer*, weil die als erwünscht definierte Sexualität sehr eng begrenzt ist; am besten ist vaginal-penetrativer, heterosexueller Verkehr innerhalb einer monogamen Paarbeziehung. (Ich nutze ab hier den Begriff der Zirklusion, denn der beinhaltet ein aktives Aufnehmen. Jeder Mensch kann etwas aufnehmen oder umschließen, unabhängig von der Art der vorhandenen Körperöffnung.) Sex wird von Männern* gewollt, und von Frauen* toleriert. Der Fokus auf vaginaler Zirklusion bevorzugt den männlichen* Orgasmus. Dabei können Frauen* genauso „schnell“ zum Orgasmus kommen, wenn die Stimulation „technisch sauber“ ausgeführt wird, also wenn die Anatomie und Funktionsweise der weiblichen Lustorgane also allen Beteiligten klar ist und wenn die Situation erregend und sicher für die Person ist.

Was individuell erregend ist, kann zum Beispiel durch Masturbation, Literatur, Gespräche, Fantasien herausgefunden werden. Dazu ist es hilfreich, die verstaubten Konzepte der Perversion endgültig zur Seite zu legen und sexuelle Fantasien per se nicht mehr zu pathologisieren. Wir könnten aufhören, die Ursachen zum Beispiel von BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism)-Fantasien oder Fetischen in einer traumatisierenden Kindheit oder in psychischen Abnormitäten zu suchen, (denn dafür gibt es wenig wissenschaftliche Hinweise und keine Belege). Wir könnten eher darauf hinarbeiten unsere sexuelle Präferenzstruktur überhaupt kennen zu lernen und zu befähigen, falls gewünscht, sexuelles Verhalten sicher, konsensuell und individuell passend zu leben.

Konsens und sexuelle Bildung: Ein notwendiger Paradigmenwechsel

Um einen sicheren Rahmen zu schaffen, ist es insbesondere wichtig, die im Patriarchat vorherrschende Rape Culture abzuschaffen, sexualisierte Gewalt zu reduzieren und sexuellen Traumatisierungen vorzubeugen. Nur dann können sexuelle Erfahrungen frei und spielerisch-forschend gemacht werden. Wissen über Konsenskonzepte, geübte und gelebte Konsensverhandlungen und konsequentes Umsetzen von „Nur Ja heisst Ja“ auch auf politischer Ebene wären dazu geeignete Schritte.

Weitere Themenbereiche, die mir im Überblick wichtig erscheinen, sind die mediale Repräsentanz von (weiblicher*) Sexualität (Stichwort „Male Gaze“) in Film, Literatur und in den Sozialen Medien, sowie die Hetero-Mononormativität inklusive des Narrativs des natürlichen Kinderwunsches oder „Mutterinstinktes“ (der nachgewiesenermaßen nicht existiert) aller Frauen*. Beides führt dazu, dass die Lebensentscheidungen vieler Frauen* sich an diesen wenigen Rollen orientieren und unfassbar viel Energie und Zeit (und Geld, danke Kapitalismus) in Schönheitshandeln investieren, statt in Bildung, Masturbation oder Bücherschreiben. (Diese letzten drei Punkte sind übrigens das aktuelle Zwischenergebnis meines eigenen beruflichen Forschungs- und Entwicklungsprozesses.) Was wenn nicht die romantische Paarbeziehung für uns Menschen optimal ist, sondern bindungsbasierte Netzwerke? Freund*innenschaften? Kooperation statt Konkurrenz?

Bindungsbasierte Netzwerke statt romantischer Ideale: Neue Perspektiven auf Beziehungen

In der Konsequenz all dieser Beobachtungen im psychotherapeutisch-sexualmedizinischen Kontext gibt es wie oben beschrieben sehr häufig diesen Zwiespalt: Ist das wichtig? Darf ich das sagen?

Inzwischen bin ich mir sicher: Ja. Diese Themen sind wichtig. Sexualität und menschliche Bindungen sind für uns (unabhängig von Geschlechterkategorien!) lebenswichtig. Darum braucht es die feministische Sexualmedizin. Und darum braucht es Bildung. Und Masturbation. Und Bücher.

Mein Sexualratgeber Das Gute an (schl)echtem Sex

Mit meinem ersten Buch: „Das Gute an schlechtem Sex – wie Bindung, Kink und Konsens uns den Arsch retten können“ möchte ich dich befähigen, deine Sexualität so zu gestalten, wie es für dich und deine Beziehungspersonen echt und passend ist. Aus feministisch- sexualmedizinischer Sicht betrachte ich sexuelle Funktionsstörungen wie Lustlosigkeit, Orgasmusschwierigkeiten oder Schmerzen beim Sex in der Lustdimension der Sexualität. In der Beziehungsdimension bekommst du Handwerkszeug aus der Bindungsforschung für verschiedene Beziehungskonzepte wie offene Beziehungen, Polyamorie oder andere Formen der ethischen Nicht-Monogamie an die Hand. Zusätzlich stellen Expert*innen verschiedene Paar- und Sexualtherapie-Methoden vor. Damit möchte ich dich ermächtigen, deinen eigenen Weg und/oder die passende Unterstützung zu finden.

Gleichzeitig ermächtige ich mich selbst:

Raum einzunehmen, meine Beobachtungen zu teilen, für meine Werte einzustehen und die Medizinwelt ein kleines bisschen gerechter zu machen. Trotz großer Zweifel, Ängsten und Unsicherheiten. Den kollaborativen Rahmen dafür bieten mir die Literatur-Agentur ConnAct und der queerfeministische divana Verlag.

Danke dafür.

 

Der Grundstein für die feministische Sexualmedizin ist gelegt.

 

 

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