Male Gaze: Der Blick auf Frauen* in visuellen Medien

Male Gaze: Der Blick auf Frauen* in visuellen Medien

“Male fantasies, male fantasies, is everything run by male fantasies? (...) You are a woman with a man inside watching a woman. You are your own voyeur.” – Margaret Atwood, The Robber Bride

In diesem Zitat beschreibt die kanadische Autorin Margaret Atwood, das Gefühl als weiblich sozialisierte Person in einer patriarchalen Gesellschaft konstant den Blicken von Männer nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern sie selbst vollkommen verinnerlicht zu haben und danach handeln zu wollen - ein Phänomen, das Darstellungen und Wahrnehmung von weiblich gelesenen Figuren in Medien stark beeinflusst und von Laura Mulvey in den 1970ern in der Male Gaze Theory festgehalten wurde. Diese Theorie besagt, dass im Film die Frau* das Objekt männlicher Begierde, sowohl für die Charaktere, als auch für Regie und Beobachtenden im Zuschauerraum ist. 

Male Gaze im klassischen Kino 

Inzwischen ist die Male Gaze ein etabliertes Konzept der Filmtheorie. Der Begriff hat jedoch in den letzten Jahren, vor allem durch Social Media, seinen Weg in die Popkultur und Alltagsdiskurse gefunden und wird in diesen Kontexten oftmals falsch angewendet.  In ihrem Essay Visual Pleasures and Narrative Cinema aus dem Jahr 1975 beschreibt Mulvey die Male Gaze wie folgt: 

“In a world ordered by sexual imbalance, pleasure in looking has been split between active/male and passive/female. The determining male gaze projects its phantasy on to the female form which is (…) simultaneously looked at and displayed (…).” 

Dies bedeutet also unser Blick ist nicht neutral, sondern Ausdruck von bestehenden Machtverhältnissen: 

  • Männer = aktiv, kontrollierend, betrachtend
  • Frauen* = passiv, sichtbar, betrachtet

Laut Mulvey werden also Frauen* im klassischen Kino auf ihre Funktion als erotisches Objekt reduziert und dadurch zum „image“ und der Mann zum „bearer of the look“. Sie erläutert, dass die Objektifizierung der männlichen Figuren, also eine Umkehrung dieser Dynamik à la Female Gaze, nach vorherrschender patriarchaler Ideologie nicht möglich ist, da man sich als Zuschauer*in mit dem männlichen Hauptcharakter im Film identifiziert und durch diese Identifikation Kontrolle über die Frau(en) im Film erlangt. 

Doch was passiert, wenn wir diesen Blick verweigern? 

Die Kulturtheoretikerin bell hooks formuliert 2014 mit der Oppositional Gaze eine mögliche Antwort. Ihre Theorie beruht auf der Annahme, dass in den Massenmedien lediglich die privilegiertesten Stimmen repräsentiert sowie reflektiert werden und dementsprechend die Unterdrückten nicht das „right to gaze“ haben. Hiermit stellt hooks ebenfalls in Frage, inwiefern die dominierende Kultur Rassismus, Klassismus und Sexismus nicht nur beinhaltet, sondern durch negative Darstellungen von Minderheiten reproduziert und fördert. bell hooks verweist also darauf, dass marginalisierte Zuschauer*innen durch den von Männern und anderen privilegierten Gesellschaftsgruppen geprägten Blick die Möglichkeit haben, eine alternative und kritische Perspektiven einzunehmen und nicht gezwungen sind, an diesen Blickregimen teilzuhaben.

Ein Plädoyer für mehr FLINTA* Kunst

“The first feminist gesture is to say: ‘Okay, one looks at me, but I also look.” - Agnes Varda 

An dieser Stelle ist es wichtig festzuhalten, dass nicht alle von Frauen* gemachte Kunst in jedem Fall feministisch und ein Beispiel für eine vermeintliche Female Gaze ist, da diese ebenso häufig in ihren eigenen Werken bestimmte misogyne Vorurteile und Stereotypen reproduzieren. Dennoch spricht nichts dagegen, bewusster mehr visuelle Medien von FLINTA* Personen zu konsumieren, da diese natürlich weniger dazu tendieren Frauen*, zumindest auf Regieebene, zu objektifizieren oder sexualisieren. Das gleiche gilt in der Literatur. Wir hoffen durch unsere Arbeit im divana Verlag, einen kleinen Beitrag zur Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen und feministischen Stimmen beizutragen, damit man sich beim Lesen unserer Bücher eben nicht denkt: is this written by a man?

Die Male Gaze scheint auf vielerlei Ebenen omnipräsent und von den meisten internalisiert zu sein, deshalb gilt es in erster Linie den eigenen Blick kritisch zu hinterfragen, zu dekonstruieren und bewusst neu zu erfinden. 

Autorin: Lea Schöngarth 

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