Queerness und Verfolgung in Nazi-Deutschland

Queerness und Verfolgung in Nazi-Deutschland

Als männliche Homosexualität kriminalisiert wurde: Die Geschichte von §175

Der sogenannte Paragraph 175 stellte seit 1871 homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Was bereits im Kaiserreich begann, wurde 1935 unter dem NS-Regime massiv verschärft , mit verheerenden Folgen.

Zwischen 1933 und 1945 wurden rund 50.000 Menschen auf Grundlage des §175 verurteilt. Tausende von ihnen wurden in Konzentrationslager deportiert. Konservative Schätzungen gehen von mindestens 5.000 bis 6.000 Inhaftierten aus, andere von weit mehr. Nur etwa 40 % überlebten.

Verfolgung queerer Menschen nach Ende des Nationalsozialismus

Besonders perfide: Die Verfolgung endete nicht automatisch mit der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten. Wer seine Haftstrafe nach §175 noch nicht vollständig verbüßt hatte, wurde häufig direkt in reguläre Gefängnisse überstellt. Der Paragraph blieb nämlich auch nach Kriegsende bestehen.

Dabei existierten zuvor in Städten wie Köln (und allen voran Berlin) bereits queere Netzwerke und sogenannte „Freundschaftsvereine“, die insbesondere schwulen Männern Gemeinschaft und Schutz boten. In den 1920er Jahren entwickelte sich eine sichtbare queere Szene, die von Behörden mehr oder minder geduldet wurde. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen wurden diese Räume jedoch zerstört. Vereine lösten sich auf, Treffpunkte verschwanden und frühe queere Emanzipationsbewegungen wurden brutal unterbrochen.

Besonders erschreckend ist, wie lange diese Kontinuität der Verfolgung anhielt: Die von den Nazis verschärfte Version des §175 blieb in Deutschland bis 1969 bestehen. Erst 1994 wurde der Paragraph endgültig gestrichen.

Die Geschichte queerer Menschen in Deutschland ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Sichtbarkeit und Widerstand, sondern auch eine Geschichte staatlicher Verfolgung, die zur Kaiserzeit begann und weit über das Ende des Nationalsozialismus hinausreichte.

Unsichtbare Lesben: Hatten Frauen es leichter?

§175 thematisierte lediglich männliche Homosexualität. Auch die Verfolgung zur Nazizeit legte keinen Fokus auf weibliche Homosexualität. Wurde diese dennoch entdeckt und bestraft, galt das Augenmerk vor allem der “Asozialität” der betroffenen Frauen. Lesbische Lebensweise waren der nationalsozialistischen Frauenpolitik ein Dorn im Auge, erfüllten diese Frauen doch nicht die ihnen zugewiesene Aufgabe des Kinderkriegens.

War es somit leichter für homosexuelle Frauen als für Schwule? 

Zumindest scheint es weniger direkte Verfolgung aufgrund von Homosexualität gegeben zu haben (was natürlich andere Motive, z.B. rassistische, nicht ausschließt). 

Der Druck, sich fortzupflanzen, war hingegen für Frauen ungleich höher. Zudem lässt sich die Vermutung aufstellen, dass weibliche Homosexualität weniger geahndet wurde, weil weibliche Sexualität im Allgemeinen als untergeordnet betrachtet und weibliche Lust stark tabuisiert wurde. Mehr zum Unwissen in Bezug auf Klitoris und Co. gibt es in Stephanie Kossows Ratgeber RADIKAL INTIM.

Trans* zur Nazizeit: Von teilweiser Akzeptanz in der Weimarer Republik zur konsequenten Kriminalisierung und Verfolgung in der NS-Zeit 

Auch trans* Menschen erlebten in der NS-Zeit in Deutschland zunehmend Repressionen und Verfolgung. Unmittelbar vor der Machtübernahme Hitlers gab es in der Weimarer Republik eine vergleichsweise “hohe” Akzeptanz für trans* Personen. Zwar galten die Paragrafen 183 (gegen “Erregung öffentlichen Ärgernisses”) und 360 (gegen “groben Unfug”). Diese verboten es, Kleidung zu tragen, die nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht "übereinstimmten". Dennoch gab es vor allem durch die neu gewonnene Pressefreiheit und die Abschaffung der Zensur neue Möglichkeiten, sich in der queeren Community zu vernetzen. So wurden Zeitschriften gedruckt und verkauft, die sich mit den Themen Geschlechtsidentität und den (damals von Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld so bezeichneten) “Transvestiten” befassten. Zudem konnten ärztliche Bescheinigungen beantragt werden, die es im Interesse der geistigen Gesundheit erlaubten, Kleidung des “anderen” Geschlechts zu tragen. 

In der NS-Zeit wurden diese vergleichsweise fortschrittlichen Entwicklungen gewaltvoll zurückgedrängt. Die Genehmigungen für das Tragen von Kleidung des “anderen” Geschlechts (Crossdressing) wurden widerrufen und nicht mehr verlängert oder ausgestellt. Die mediale Zensur wurde wieder verschärft und die Pressefreiheit außer Kraft gesetzt, sodass die Zeitschriften der queeren Community verboten wurden. Auch das von Magnus Hirschfeld eröffnete Institut für Sexualwissenschaft wurde gewaltsam gestürmt und geschlossen. Auf diese Weise wurde der Zugang zu Informationen über sexuelle und geschlechtliche Identitäten weiter begrenzt. Für trans* Menschen folgten Zwangskastrationen und Inhaftierungen in Konzentrationslager, wo viele auf grausame Art ermordet wurden. Dadurch, dass in der NS-Ideologie nur zwei Geschlechter (Mann und  Frau) anerkannt wurden, wurden trans* Personen nicht als solche gesehen und sexuelle Handlungen zwischen trans* Frauen fielen somit unter das gleiche Strafmaß wie schwuler Sex (Paragraf 175). Zudem wurden einige trans* Personen wegen angeblicher “gemeingefährlicher Geisteskrankheit” in Kranken- und Pflegeanstalten zwangseingewiesen. 

Inter* Menschen in Nazi-Deutschland

Über die Schicksale von intergeschlechtlichen Menschen in der NS-Zeit ist immer noch wenig bekannt, da die Forschung diesbezüglich große Lücken aufweist. Es ist belegt, dass es ein erhöhtes Risiko für intergeschlechtliche Menschen gab, Opfer von willkürlicher Gewalt oder medizinischen Experimenten zu werden. Zudem wird vermutet, dass sie ebenso wie trans* Menschen wegen “groben Unfugs" oder “Erregung öffentlichen Ärgernisses” verhaftet wurden und ihre sexuellen Handlungen durch ihre nicht eindeutige Geschlechtszugehörigkeit teilweise als gleichgeschlechtliche Betätigung gewertet wurden und strafbar wurden.

Errungenschaften heute: queere Freiheit und Sichtbarkeit in Deutschland

Seit 1994 ist §175 ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch verschwunden, in der DDR wurde er bereits 1968 abgeschafft.  Urteile nach diesem Paragrafen wurden allerdings erst 2002 aufgehoben. Das zeigt, dass die gesellschaftliche und rechtliche Aufarbeitung sehr spät kam. Im Jahr 2017 beschloss der deutsche Bundestag die “Ehe für alle”, die homosexuellen Beziehungen legal die gleichen Rechte gewährte, die Heterosexuelle schon immer genossen hatten. Nach langem politischen Kampf trat zudem 2024 das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft, das Namensänderung und Änderung des Geschlechtseintrags für trans* Menschen erleichtert.

Der Kampf geht weiter: aktuelle politische und gesellschaftliche Bedrohungen queeren Lebens 

Die rechtlichen Fortschritte der letzten Jahre zeigen, wie viel queere Bewegungen in Deutschland bewegen konnten. Gleichzeitig machen aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen deutlich, dass diese Errungenschaften nicht selbstverständlich sind. Queeres Leben ist auch heute durch politische Propaganda, digitale und physische Gewalt und den Abbau von Schutzräumen angreifbar. Warum Pride also nach wie vor wichtig ist, erfährst du in unserem Blogartikel zum Pride 2026.

Männerrechtler, reaktionäre Politik und Neonazis

Durch eine Erstarkung reaktionärer politischer Kräfte sowie an Nazi-Ideologie anknüpfender Parteien wird immer deutlicher, dass der Kampf für Gleichberechtigung noch lange nicht zu Ende ist. Der international zu spürende Rechtsruck zeigt seine Auswirkungen auf die Rechte queerer Menschen und cis*-hetero-Frauen. In sozialen Medien finden sich immer mehr sogenannte “Männerrechtler”, die ein misogynes und heteronormatives Weltbild vertreten und ihre Werte mit teils noch jungen Zuschauer*innen teilen. Zu diesem Thema: Laura Bates Männer, die Frauen hassen. Die Rhetorik, die in solchen antifeministischen und queerfeindlichen Diskursen genutzt wird, kann gesellschaftliche Hemmschwellen verschieben und so zu einer Normalisierung von Ausgrenzung, Einschüchterung und Gewalt führen. 

Das aktuelle Vielfaltsbarometer der Robert-Bosch-Stiftung zeigt ein besorgniserregendes Bild: Die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen ist im Vergleich zu einer ähnlichen Erhebung 2019 insgesamt gesunken. Studien belegen außerdem, dass insbesondere bei trans*-Themen wenig gesellschaftliche Zustimmung und Einigkeit herrscht.

Parallel dazu steigen auch die registrierten queerfeindlichen Straftaten an. 2024 wurden bundesweit 1765 politisch motivierte Straftaten im Bereich “sexuelle Orientierung” erfasst, das entspricht einem Anstieg von 18% gegenüber dem Vorjahr. Im Themenfeld “geschlechtsbezogene Diversität” wurde sogar ein Anstieg von 35% gemessen. Dabei ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Vorfälle deutlich höher ist. Viele Betroffene zeigen queerfeindliche Angriffe nicht an, aus Angst, Scham oder mangelndem Vertrauen in die Behörden. 

Digitale Gewalt und bedrohte Schutzräume

Queerfeindlichkeit findet nicht nur auf der Straße statt, sondern ebenso in Form von digitaler Gewalt. Soziale Medien können wichtige Orte für Vernetzung mit anderen queeren Menschen, für Sichtbarkeit oder Aufklärung sein. Gleichzeitig können dort Hass, Drohungen und Beleidigungen besonders schnell verbreitet werden. HateAid berichtet, dass 61,7% der Befragten bereits Angriffe auf sozialen Medien erlebt haben. Mehr zum feministischen Blick auf Medien kannst du in unserem Blogartikel zum Male Gaze lesen.

Hinzu kommt, dass Schutzräume für queere Menschen meist von finanziellen und politischen Rahmenbedingungen abhängig sind. Wenn Kultur-, Bildungs-, und Beratungsangebote Kürzungen erleben, trifft das marginalisierte Gruppen besonders. Für queere Menschen bedeutet ein Wegfallen solcher Räume weniger Sichtbarkeit und weniger Schutzmöglichkeiten. Zudem kann so eine politische Aufklärung über unterschiedliche Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten nicht mehr ausreichend geboten werden.

Der Blick in die Geschichte zeigt, wie fragil die gesellschaftliche Sicherheit sein kann. Die Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus erinnert daran, wozu Entmenschlichung, staatliche Kontrolle über Körper und Sexualität und die Zerstörung von Schutzräumen führen können. Gerade der internationale Blick zeigt, dass diese Fragen weiterhin hochaktuell sind: In den USA werden reproduktive Rechte in vielen Bundesstaaten massiv eingeschränkt, während in Polen homophobe Angriffe und rechtsextreme Anti-LGBTQ-Demonstrationen queeres Leben öffentlich bedrohen. Solche Entwicklungen zeigen, dass Angriffe auf körperliche Selbstbestimmung, feministische Errungenschaften und queere Sichtbarkeit häufig miteinander verbunden sind.

Quellen:


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